Balintgruppen – professionelle Reflexion der Arzt-Patient-Beziehung

Abendgruppe Erlangen

Kontinuierliche Balintgruppe mit regelmäßigen Abendterminen.

Kompakte Balintgruppen im Schloss Burgellern

Seminarorte: Erlangen (Klinikum am Europakanal) und Schloss Burgellern (Nähe Bamberg)

Termine: Nach Vereinbarung, Gruppenbeginn abhängig von Mindestteilnehmerzahl.

Leitung: Dr. Ulrich W. Kastner, Chefarzt

Reflexion ärztlicher Beziehungen – strukturiert, kollegial, wirksam

Die Balintgruppenarbeit ist ein etabliertes Verfahren der ärztlichen Fort- und Weiterbildung, das auf den ungarisch-britischen Psychoanalytiker und Arzt Michael Balint (1896–1970) zurückgeht. Ausgangspunkt seiner Arbeit war die Beobachtung, dass die medizinische Behandlung nicht allein durch Fachwissen und Technik bestimmt wird, sondern in hohem Maße durch die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung.

Balint formulierte hierfür eine bis heute zentrale These:
„Das wichtigste Medikament für den Patienten ist der Arzt selbst.“
In den 1950er-Jahren entwickelte er in London ein gruppenbasiertes Arbeitsformat, das Ärztinnen und Ärzten helfen sollte, ihre emotionale Beteiligung, implizite Beziehungsmuster und psychodynamische Prozesse im klinischen Alltag besser zu verstehen. Heute sind Balintgruppen fester Bestandteil der ärztlichen Weiterbildung, insbesondere im Rahmen der Psychosomatischen Grundversorgung.


Eine Balintgruppe besteht in der Regel aus acht bis zwölf Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Geleitet wird sie von einer hierfür qualifizierten Leitung mit psychotherapeutischem Hintergrund.

Im Mittelpunkt steht der freie Fallbericht:
Ein Gruppenmitglied schildert einen Patientenfall aus der eigenen Praxis, der emotional nachwirkt, irritiert oder innerlich beschäftigt. Der Bericht erfolgt bewusst ohne Akten, Diagnoselisten oder theoretische Vorstrukturierung.

Im anschließenden Gruppengespräch richtet sich der Fokus nicht auf Differentialdiagnostik oder konkrete Behandlungsvorschläge, sondern auf das Erleben der Beziehung. Die Teilnehmenden äußern Assoziationen, Gefühle, innere Bilder und Gedanken, die durch den Fall ausgelöst wurden. Der Fallvortragende selbst tritt dabei zurück und hört zu.

Gerade diese Rollenverschiebung erweist sich als zentral:
Während die vorstellende Person zeitweise – im Erleben – die Perspektive des Patienten einnimmt, spiegelt die Gruppe in ihrer Vielfalt mögliche Resonanzen, Beziehungsmuster und emotionale Antworten wider. So entsteht ein mehrdimensionales Bild der Arzt-Patient-Dynamik, das sich im Alleingang kaum erschließen ließe.


Balintarbeit folgt keiner problemlösenden Logik.
Nicht das „richtige Vorgehen“ steht im Vordergrund, sondern das gemeinsame Verstehen.

Voraussetzung dafür ist eine Haltung von:

  • Offenheit und Neugier gegenüber eigenen inneren Reaktionen
  • Respekt gegenüber unterschiedlichen Wahrnehmungen
  • Zurückhaltung mit schnellen Deutungen oder Bewertungen

Emotionale Reaktionen wie Ärger, Hilflosigkeit, Nähe, Distanz oder Ohnmacht werden nicht als Störung, sondern als diagnostisch bedeutsame Hinweise verstanden. Die Gruppenleitung sorgt für Struktur, Sicherheit und einen geschützten Rahmen, ohne inhaltlich zu steuern oder Lösungen vorzugeben.


Die kontinuierliche Teilnahme an einer Balintgruppe fördert:

  • ein vertieftes Verständnis für psychosoziale und emotionale Dimensionen von Krankheit
  • Sensibilität für Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene
  • mehr Sicherheit im Umgang mit schwierigen oder belastenden Patientenkontakten
  • eine reflektierte ärztliche Rollenwahrnehmung
  • emotionale Entlastung und Prävention von Erschöpfung

Balintarbeit wirkt dabei nicht nur als Fortbildung, sondern auch als strukturierter Selbsterfahrungsprozess, der die therapeutische Beziehung nachhaltig stabilisieren kann – zum Nutzen von Patientinnen, Patienten und Behandelnden gleichermaßen.


Die Teilnahme an anerkannten Balintgruppen ist Voraussetzung für die Abrechnung der Psychosomatischen Grundversorgung als Kassenleistung. Darüber hinaus bieten Balintgruppen einen seltenen Raum im medizinischen Alltag:
einen Ort kollegialer Unterstützung, gemeinsamer Reflexion und professioneller Psychohygiene.

Neben der Ernsthaftigkeit der Themen haben hier auch Leichtigkeit, Humor und menschliche Nähe ihren Platz – nicht als Ablenkung, sondern als Teil eines lebendigen Lernprozesses.